
KI und Automatisierung
KI-Anbieter auswählen: Warum die europäische Herkunft zum Kriterium wird
Für viele Unternehmen im DACH-Raum ist die Herkunft eines KI-Anbieters inzwischen ein Auswahlkriterium. Laut einer YouGov-Umfrage für IONOS ziehen 36 Prozent der deutschen KMU eine KI-Lösung nur in Betracht, wenn der Anbieter aus Deutschland oder Europa kommt. Gekauft wird trotzdem vor allem bei US-Anbietern: 76 Prozent der KI-nutzenden Unternehmen in Deutschland setzen ChatGPT ein.
Zwischen Wunsch und Einkauf liegt also eine Lücke. Um sie zu schließen, musst du dich nicht heute für den einen richtigen Anbieter entscheiden. Wichtiger ist, Prozesse so zu bauen, dass du das KI-Modell je nach Datenart wählen und später austauschen kannst.
Was zeigen die aktuellen Zahlen zur Herkunft von KI-Anbietern?
Für die IONOS-Studie hat YouGov Anfang 2026 rund 4.000 Entscheiderinnen und Entscheider aus KMU mit bis zu 250 Mitarbeitenden in fünf europäischen Ländern befragt. In Deutschland nennen 55 Prozent verlässliche Ergebnisse als wichtigstes Kaufkriterium. 53 Prozent misstrauen den dominierenden außereuropäischen KI-Anbietern.
In der Studie „State of Digital Sovereignty 2026“ von Myra Security schließen nur noch 4,6 Prozent der befragten deutschen IT-Entscheiderinnen und -Entscheider die Einführung europäischer Software aus. Im Vorjahr waren es 47,7 Prozent. Die Zahl betrifft Software allgemein, nicht nur KI. 50,1 Prozent der deutschen Befragten nennen KI aber als Bereich, in dem digitale Souveränität besonders wichtig ist.
Wie groß die Lücke zwischen Wunsch und Einkauf ist, zeigt der Bitkom Cloud Report 2026 für Cloud-Dienste. 71 Prozent der deutschen Unternehmen beziehen Cloud-Angebote aus den USA, bevorzugen würden das nur 8 Prozent. Anbieter aus der EU wünschen sich 68 Prozent, tatsächlich nutzen sie 45 Prozent.
Warum wird die Herkunft von KI-Anbietern zum Kaufkriterium?
Der wichtigste Grund ist die Kontrolle über die eigenen Daten. Unter den deutschen Unternehmen, die KI bereits nutzen, nennen 66 Prozent die Anforderungen an den Datenschutz als Hemmnis. 45 Prozent sorgen sich, dass Unternehmensdaten in falsche Hände geraten. Das zeigt eine Bitkom-Befragung von 603 Unternehmen aus dem Sommer 2026.
Dazu kommt Rechtsunsicherheit. 56 Prozent der KI-Anwender in Deutschland nennen laut Bitkom rechtliche Verunsicherung als Hürde. DSGVO und EU AI Act erhöhen den Druck, nachweisen zu können, wo Daten verarbeitet werden und wer darauf zugreift.
Der Speicherort allein schützt dabei nicht. Der US CLOUD Act verpflichtet Anbieter, die US-Recht unterliegen, Daten in ihrem Besitz oder unter ihrer Kontrolle auf behördliche Anordnung herauszugeben, unabhängig davon, ob sie innerhalb oder außerhalb der USA gespeichert sind. Deshalb zählt bei der Auswahl auch der Firmensitz des Anbieters und nicht nur der Standort des Rechenzentrums.
Auch die Geopolitik spielt mit. 85 Prozent der deutschen Unternehmen halten Deutschland laut Bitkom für zu abhängig von US-Cloud-Anbietern, ein Jahr davor waren es 78 Prozent.
Wie sieht es in Österreich aus?
Österreichische Unternehmen sind ähnlich skeptisch. In einer YouGov-Umfrage für world4you misstrauen 54 Prozent der befragten KMU KI-Anbietern von außerhalb der EU, allerdings bei nur 210 Befragten. In einer Integral-Studie für A1 unter 300 Unternehmen ab 50 Mitarbeitenden würden 55 Prozent den Anbieter wechseln, wenn Daten außerhalb der EU gespeichert werden.
Auch in Österreich hinkt die Umsetzung hinterher. Eine Strategie für digitale Souveränität umgesetzt haben laut der A1-Studie erst 12 Prozent der Unternehmen. Gleichzeitig sind 70 Prozent sehr oder eher abhängig von digitalen Technologien aus anderen Ländern, so die KPMG-Studie „Cybersecurity in Österreich 2026“ mit 1.396 befragten Unternehmen.
Worauf solltest du bei der Auswahl eines KI-Anbieters achten?
Die Herkunft eines KI-Anbieters ist ein Kriterium, aber kein Gütesiegel. Ein europäisches Logo garantiert weder gute Ergebnisse noch sauberen Datenschutz. Diese Punkte solltest du konkret prüfen:
- Firmensitz und Rechtsraum: Welchem Recht unterliegt der Anbieter, und welchem seine Muttergesellschaft?
- Hosting-Ort und Unterauftragnehmer: Wo laufen Daten und Modelle tatsächlich, und welche Dienstleister sind beteiligt?
- Modellwahl: Kannst du das KI-Modell wechseln oder ein lokales Modell betreiben, ohne deine Prozesse neu zu bauen?
- Betriebsmodell: Gibt es Cloud, On-Premise und Hybrid, damit sensible Daten im eigenen Haus bleiben können?
- Kontrolle und Nachvollziehbarkeit: Entscheidet bei kritischen Schritten ein Mensch, und wird jeder Schritt dokumentiert?
- Ergebnisqualität: Teste mit eigenen Dokumenten, bevor du kaufst.
- Ausstiegsmöglichkeit: Kommst du mit deinen Daten und Prozessmodellen wieder heraus? Offene Standards wie BPMN 2.0 helfen dabei.
Wie kann das in der Praxis aussehen?
Nimm die Prüfung von Verträgen. Eine KI liest eingehende Verträge, erkennt Laufzeiten, Kündigungsfristen und Haftungsklauseln und markiert Abweichungen vom eigenen Standard. Ob unterschrieben oder nachverhandelt wird, entscheidet am Ende eine Person aus Rechtsabteilung oder Einkauf.
Nicht jeder Vertrag ist gleich sensibel. Der Prozess kann deshalb je nach Datenart ein anderes KI-Modell ansteuern:
| Datenart | Beispiel | KI-Modell |
|---|
| Vertraulich | Arbeitsverträge, Konditionen mit Schlüsselkunden | Lokal im eigenen Unternehmen |
| Intern | Rahmenverträge mit Lieferanten | Europäisches Modell |
| Unkritisch | Öffentliche AGB, Mustervorlagen | Cloud-Modell nach Wahl |
Welche Daten wohin gehen, steht als Regel im Prozessmodell. So hängt es nicht vom Bauchgefühl einzelner Mitarbeitender ab, und du kannst ein Modell später austauschen, ohne den Prozess neu zu bauen.
Genau diese Trennung unterstützt FireStart: Die Plattform wird in der EU gehostet, bindet unterschiedliche KI-Modelle an und lässt sich mit Modellen kombinieren, die lokal im eigenen Unternehmen laufen.
Wo liegen die Grenzen?
Die Präferenz für europäische Anbieter schlägt sich bisher kaum im Einkauf nieder. 76 Prozent der KI-anwendenden Unternehmen in Deutschland nutzen ChatGPT, 35 Prozent Microsoft Copilot und 28 Prozent Google Gemini, das europäische Modell Mistral liegt bei 0 Prozent. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst kommentiert: „Wer digitale Souveränität will, muss europäischen Anbietern eine Chance geben.“
Der Wechsel zu europäischen Alternativen kostet Geld und Zeit. 34,6 Prozent der deutschen Befragten nennen bei Myra hohe Migrationskosten als Hürde, 31,0 Prozent eine unzureichende technische Leistung europäischer Alternativen. 19,8 Prozent setzen infolge geopolitischer Ereignisse sogar stärker auf US-Software.
„Souverän“ ist kein geschützter Begriff. Prüfe deshalb Vertrag, Rechtsraum und Unterauftragnehmer statt Marketingaussagen.
Auch die Datenlage hat Lücken. Die Studien von IONOS, world4you, A1 und Myra Security wurden von Unternehmen beauftragt, die selbst europäische oder souveräne IT verkaufen. Sie messen Absichten, nicht tatsächliche Käufe. Für die Schweiz fehlen vergleichbare aktuelle Zahlen.
Häufige Fragen
Ist die Herkunft eines KI-Anbieters wirklich ein Kaufkriterium?
Ja, aber nicht das wichtigste. Laut IONOS/YouGov ist für 36 Prozent der deutschen KMU ein Anbieter aus Deutschland oder Europa Voraussetzung, für 55 Prozent zählen verlässliche Ergebnisse am meisten.
Reicht es, wenn die Daten in der EU gespeichert werden?
Nicht immer. Der US CLOUD Act verpflichtet Anbieter, die US-Recht unterliegen, Daten auf behördliche Anordnung herauszugeben, auch wenn sie außerhalb der USA gespeichert sind. Prüfe daher auch den Firmensitz des Anbieters.
Muss ich auf ChatGPT und andere US-Modelle verzichten?
Nein. Sinnvoller ist es, Prozesse so zu bauen, dass du das KI-Modell je nach Datenart wählen kannst, etwa ein lokales Modell für vertrauliche Daten und ein Cloud-Modell für unkritische Aufgaben.
Wie verbreitet sind europäische KI-Modelle in Unternehmen?
Kaum. Laut Bitkom liegt das europäische Modell Mistral bei KI-nutzenden Unternehmen in Deutschland bei 0 Prozent, während 76 Prozent ChatGPT einsetzen.
Gilt das auch für Unternehmen in Österreich?
Ja, die Tendenz ist ähnlich. In einer YouGov-Umfrage für world4you misstrauen 54 Prozent der österreichischen KMU KI-Anbietern außerhalb der EU. Die Stichprobe ist mit 210 Befragten allerdings klein.
Fazit
Die europäische Herkunft ist bei KI ein echtes Auswahlkriterium, vor allem im Mittelstand. Gekauft wird aber noch überwiegend bei US-Anbietern. Am besten fährst du deshalb mit Prozessen, in denen du das KI-Modell je nach Datenart wählen und später wechseln kannst, und in denen Menschen die kritischen Entscheidungen treffen.
Quellen